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Warschau heute
Von der Fassade der „Biblioteka Publiczna” wird das Buchstabenfragment „Publ” mittels Seilen herabgelassen. „Nicht so schnell, meine Herren!” ruft Ilona Karwinska besorgt zwei Handwerkern auf dem Metallgerüst zu. Der Neon-Schriftzug „Biblioteka Publiczna” (Öffentliche Bibliothek) aus den siebziger Jahren soll von der Fassade des Plattenbaus wohlerhalten in Polens einziges „Neon Museum” gelangen. Frau Karwinska ist die Kuratorin und Leiterin des Museums, das 2011 mit einer Dauerausstellung eröffnet werden soll.

Wie viele öffentliche Einrichtungen muss die Öffentliche Bibliothek wegen der zu hohen Mietkosten vom zentrumsnahen Ochota an den Rand Warschaus umziehen. Der Schriftzug aus den Siebzigern kann nicht mit, die dazugehörende Neon-Sirene, die dem Warschauer Wahrzeichen nachempfunden worden ist, wird aber dem Hochhaus weiterhin die besondere Note verleihen.

Bild: Jens Mattern

Seit 1990 fallen in den Großstädten Polens die Neon-Schriftzüge aus den Tagen der Volksrepublik den scheinbaren Erfordernissen der Nachwendezeit zum Opfer. Sie machen Firmenlogos und Billboards Platz und lange störte sich niemand an ihrem Verschwinden. Dabei hatten die edelgashaltigen Lettern in Polen etwas Pionierhaftes, denn ab 1956 waren sie auf ihre Art und Weise die ersten Vorboten von Werbung im Sozialismus. In der so genannten „Tauwetter-Periode”, der Zeit der größeren Freiheit nach Stalins Tod, sollte das Grau der polnischen Hauptstadt aufgelockert werden. Keineswegs durfte dabei die bunte Reklamewelt und der böse Konsumismus des Klassenfeindes imitiert werden und so genehmigten die Parteikader darum einen Kompromiss: Neon-Schriften, die nur auf den Typ der Geschäfte oder auf die Waren verwiesen, nicht aber auf eine Firma. Und so schenkten schon bald Neonleuchtschriften wie „Brot”, Apotheke”, „Juwelier” oder „Restaurant” den polnischen Großstädtern nachts eine Orientierung.

„Die Schriften wurden stets für das jeweilige Gebäude konzipiert, renommierte Künstler, die auch Plakate gestalteten, entwarfen sie. Oft kreierten sie eigene Typographien.” Begeistert sich Karwinska noch heute. Die passionierte Kuratorin ist mittlerweile mit dem Transporter und der zerlegten Schrift auf dem Weg zum Museum im Osten der Stadt. Unterwegs fachsimpelt sie mit Pan Ryszard, dem Neon-Schrift-Handwerker, über die zurückgebliebenen Schriftzüge. Sollen sie an Ort und Stelle bleiben - was ihr lieber wäre - oder sind sie ein Fall für das Museum? Seit Jahrzehnten ist Pan Ryszard Mitarbeiter der Firma „Reklama”, die 1956 als staatliches Unternehmen gegründet wurde, um die ersten Neon-Schriften anzufertigen. Anfangs begegnete auch er der Vorliebe seiner Auftraggeberin mit Kopfschütteln, obwohl er selbst an der Herstellung so mancher Leucht-Lettern aus den siebziger Jahren beteiligt war. Doch als Exil-Polin hat Ilona Karwinska einen Blick von außen.

Ilona Karwinska (Bild: Jens Mattern)

Seit der Wende arbeitete sie in London als Fotografin. Vor sechs Jahren fielen ihr bei einer nächtlichen Autofahrt die Neon-Schriftzüge Warschaus erstmals auf. Die Idee einer Dokumentation reifte und relativ bald auch die Erkenntnis, dass es damit allein nicht getan war. Als sie nämlich auf einem ersten Rundgang die Aufschrift „Berlin”, der Name eines Textilladens, fotografieren wollte, war dieser Schriftzug schon verschwunden. Nach einem langen Prozedere konnte sie die fast ein Meter hohen und vier Meter langen Buchstaben abholen lassen und sie so vor der Müllhalde bewahren. Eine neue Heimstatt fanden die Neonbuchstaben in einer leeren ehemaligen Autowerkstatt im Osten Warschaus. Weitere Schriftzüge folgten und bis heute befindet sich dort „das Museum”. Ein alter Zaun, ein Wohnwagen mit Wächter, ein zotteliger und lauter Hund, sowie diverse Schilder von Mineralölfirmen geben dem Ort einen verwegenen Anstrich. Mit seinem Mitarbeiter bringt Herr Ryszard die „Biblioteka Publiczna” in die Halle, wo ein Dutzend weitere Wörter aus Metall und Leuchstoffröhren an die Wand angelehnt oder einfach auf dem Boden liegen. Dort wird der Schriftzug abgelegt, angeschlossen und zum Leuchten gebracht – fertig ist das Exponat! Neben der Lagerhalle, für deren Besuch man sich telefonisch anmelden muss, existiert das Museum noch virtuell, auf der Webseite www.neonmuzeum.org. Vielleicht ändert sich dies bald.

Die Stadt Warschau überlegt sich, Mittel locker zu machen, um eine richtige Dauerausstellung zu finanzieren. In der Nacht der Museen, am 14. Mai, soll die Lagerhalle einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden. Seit ihrer Ausstellung im Kulturpalast 2007 und ihrem erstem Bildband ist es zu einem Neon-Hype vor allem unter der jüngeren Generation gekommen. Mittlerweile gibt es Internetseiten, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und auch das Warschauer Museum für neue Kunst hortet neuerdings Glanzstücke polnischer Neon-Schriftzüge. Auch im Ausland gibt es Aufmerksamkeit - Ihr zweites Neon-Album mit dem Titel „Polish Cold War Neon” wird im September in den USA herausgegeben.
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Text und Bilder: Jens Mattern 
Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, März 2011


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