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Der Hund von Bełżec | Marcin Kołodziejczyk

Im Sommer 1942 verirrte sich in die Dienstwohnung von Wacław Kołodzieczyk, Eisenbahner in Bełżec, ein prächtiger Hund. In der Stille vor Tagesanbruch drückte er mit der Pfote die Klinke herunter, wie ein Mensch, der um Einlass bittet.
Auf dem Bahnhof von Bełżec nicht weit von Zamość fuhren die Personenfernzüge der Linie Lemberg-Krakau an Güter-Sonderzügen vorbei, die hier ihre Fahrt beendeten. Die Menschen, die in den Güterwaggons zusammengepfercht waren, flehten um Wasser, doch sie bekamen keins.
Noch ihm Frühjahr 1942 hatten die Einwohner von Bełżec den Durstigen manchmal gegen Dollars und Schmuck etwas zu trinken geben können, im Sommer aber nicht mehr – die ortsansässigen Eisenbahner durften über diese Züge nicht einmal sprechen. Den Zugang zu der lebenden Ladung kontrollierten SS-Männer und ukrainische Wachleute, die im Dorf „die Schwarzen“ genannt wurden, weil sie Uniformen in dieser Farbe trugen. Auch die Hunde der SS-Männer, dressierte Schäferhunde, hielten Wache.
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Die Fernzüge machten sich auf ihren Weg und die Sonderzüge auf ihren letzten – langsam, auf einem Nebengleis, zu den Gaskammern einige hundert Meter von der Station Bełżec entfernt.
In den Fernzügen wusste man einiges über die Sonderzüge, trotz des Verbots wurde viel über sie gemunkelt. Wilhelm Cornides, Unteroffizier der Wehrmacht, schilderte in seinem Bericht über eine Reise von Lemberg das Gespräch mit einem Polizisten auf dem Bahnhof Rawa-Ruska, wo ein Güterzug voller Menschen wartete: Sie führen nach Bełżec, sagte der Polizist. „Und dann?“ „Gift.“ Nur wenige Stunden später stand dieser Güterzug schon still und leer an einer anderen kleinen Station dieser Strecke.
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Der erste Sonderzug traf am Morgen des 17. März 1942 aus Lublin in Bełżec ein. Der zweite, aus Lemberg, am Abend. Seitdem kamen täglich zwei Transporte an, und im Sommer und Herbst sogar drei – mit jeweils mehreren Dutzend Waggons voller Menschen jeden Alters.
Diese Züge waren in den Frachtlisten der Bahn meistens mit dem Kryptonym PJ für Polnische Juden gekennzeichnet, manchmal wurden aber auch westeuropäische und ungarische Juden hierher deportiert. In den neun Monaten seines Bestehens brachte das kleine Lager der Nazis in Bełżec fast eine halbe Million Juden um. Die deutsche Generaldirektion der Ostbahn beförderte sie zu ermäßigten Tarifen, wie sie Großtransporten zustanden – darunter Kinder bis zu vier Jahren umsonst und ältere zum halben Preis. Die zu zahlenden Beträge kassierte die SS von den Passagieren – meist nach deren Ermordung: Die geraubten Barmittel, Schmuckstücke und Goldzähne wurden auf dem Bankkonto der Aktion Reinhardt verbucht. Diese rechnete wiederum mit dem Bahn-Spediteur ab, denn die Aktion Reinhardt war ein Teil der „Endlösung der Judenfrage“ im Generalgouvernement.
Der Bahnhof in Bełżec ist auf dem Bild des Eisenbahners Wacław Kołodziejczyk ein lyrischer Ort. Zwei Stockwerke plus Mansarde, eine Glockenleuchte, ein Bogengang, zwei gepflasterte Wege führen zu den Bahnsteigen, zwei Sitzbänke laden die Reisenden zum Ausruhen ein. Wacław hat den größten Teil seines Lebens auf diesem Bahnhof gearbeitet.
Geboren in Antoniówka, Kreis Krasnystaw, trat Wacław seinen Dienst in Chełm an, wurde 1935 aber von den Polnischen Staatsbahnen (PKP) mit seiner Familie nach Bełżec dienstversetzt. Er avancierte zum Büroschreiber – eine saubere Arbeit unter Dach. Das Ehepaar Kołodziejczyk bezog Quartier in einer der beiden Einfamilienhäuser auf der Hauptstraße, die der Eisenbahn gehörten, auch ihre Nachbarn waren samt und sonders Eisenbahner.
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1941 wurden die Einfamilienhäuser von den deutschen Kommandanten des entstehenden Vernichtungslagers konfisziert. Die polnischen Eisenbahner wurden in Vierfamilienhäuser direkt an den Gleisen umgesiedelt – mit Blick auf die Todeszüge, auf Szenen, bei denen SS-Männer mit Hunden Jagd auf jüdische Flüchtlinge machen, und später auf den Qualm der im Lager verbrannten Leichen. Bei Wind musste Wacławs Frau Wacholder im Haus verräuchern, um den Gestank zu vertreiben.
Wacław Kołodziejczyk selbst, ein von Natur aus ruhiger und sachlicher Mann, verschloss sich in sich, denn seine Fenster gingen auf die schlimmste Seite der Welt hinaus. Lediglich ein Gemüsegarten trennte seine neue Dienstwohnung von den Gleisen. Genau in dieses Haus verirrte sich im Sommer 1942 ein ausgewachsener Hund – ein zugelaufener Ausreißer.
Juden hinter den Bug – hörte im Oktober 1941 Odilo Globocnik, SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin, bei einer Besprechung. Das war der Wunsch von Hitler persönlich, und Globocnik – Österreicher, fanatischer Nazi und ehemaliger Gauleiter von Wien – verstand den Euphemismus des Führers korrekt. Einige Tage nach der Besprechung erschienen die Herren Gottfried Schwarz und Josef Oberhauser in Lublin, SS-Männer, die den Bau des Lagers in Bełżec beaufsichtigen sollten. Beide Spezialisten in Sachen Massentötungen: 1939 waren sie an der Organisation der Aktion T4 mitbeteiligt gewesen, der Vergasung von Patienten deutscher psychiatrischer Anstalten mit Hilfe von Kohlenmonoxid.
Die Aufsicht über das Lager sollte die SS-Mannschaft übernehmen, die sich bei der erfolgreichen Vergasung der Patienten in der Tötungsanstalt Grafeneck verdient gemacht hatte. Kriegsgefangene aus dem Ostfeldzug, Rotarmisten – hauptsächlich Ukrainer -, die eine Ausbildung im SS-Lager in Trawniki absolviert hatten, waren dazu da, um die Transporte zu entladen, die Menschen in die Gaskammern zu treiben und das Lager zu bewachen. Nach dem Krieg behaupteten die meisten von ihnen, sie seien aus Angst um ihr Leben in die Dienste der Deutschen eingetreten.
Die Juden waren dazu da, um das Lager zu bauen und darin zu sterben. Als im Januar 1942 in einer Villa am Berliner Wannsee offiziell der Plan für die „Endlösung“ niedergelegt wurde, war Bełżec schon fast fertig.
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Im Sommer 1942 war Stanisław Kołodziejczyk, Wacławs Sohn, neun Jahre alt. Er strich um die Gleise herum – die Gleise waren ein interessanter Ort für Kinder. Im Dorf sagte man, entlang der Gleise nach Bełżec – aus der Richtung Zamość und Lemberg – lägen Juden, die aus den PJ-Sonderzügen geflohen seien. Springer nannte man sie. Die einen lagen schon tot oder verstümmelt da, andere saßen vom Fall aus dem Waggon betäubt im Gras und starrten in die Ferne, wieder andere flohen in die nahen Wälder. Dann kam es darauf an, auf wen sie dort trafen – auf gute Menschen oder auf Diebe. Auf Denunzianten oder sogar auf Mörder.
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In Bełżec wurden die Sonderzüge auf dem Bahnhof durch ein Spalier von Wachleuten mit Hunden aus dem Lager begrüßt. Diese Hunde starrten regungslos auf die Waggons, wie Sphinxe. Und dann wieder wie geifernde Bestien, wenn die Hundeführer ihnen befahlen, die Menschen aus den Waggons zu scheuchen. An jenem Tag blieb Stasio bei einem der Hunde auf dem Bahnsteig stehen. Er hatte eine Schmalzstulle dabei und fragte, ob er den Hund damit füttern dürfe. Der Wachmann lächelte dem neugierigen Bengel zu. Er nimmt es an, wenn ich es ihm befehle – sagte er. Stasio erlaubte er, dem Hund etwas anzubieten.
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Im Lager wurden die Menschen aus den Sonderzügen von Fritz Jirmann begrüßt, einem Deutschen, der für die ukrainischen Wachmänner zuständig war, ein Mann mit einem Gesicht wie eine Maske. Er hatte keine Zeit für lange Reden, nur: Jetzt geht ihr in den Baderaum und danach zur Arbeit. Und die Menschen klatschten ihm Beifall, weil sie dachten, da man sie anspricht, würden sie am Leben bleiben. Danach mussten sie die Kleider und Wertsachen zur Aufbewahrung zusammenlegen und sich eilends zum Baderaum begeben, im Takt des vom Häftlingsorchester des Lagers gespielten Walzers „Es geht alles vorüber“ aus dem Repertoire von Lale Andersen, besser bekannt durch den Schlager „Lili Marleen“.
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