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„Bei den Polen gibt es eine Art Schizophrenie“ | M. Bilewicz

Ein Gespräch mit Dr. Michał Bilewicz darüber, wie es dem Polen dabei geht, Pole zu sein.
Joanna Cieśla: Die Polen nehmen Kritik am Polentum mit Interesse und Wohlwollen auf. Das geht aus Untersuchungen hervor, die Sie zusammen mit Prof. Mirosław Kofta durchgeführt haben. Man hätte den Eindruck haben können, dass es gerade umgekehrt ist.
Michał Bilewicz: Das Ergebnis der Untersuchungen ist tatsächlich überraschend. Im Allgemeinen löst Kritik an einer Nation bei deren Angehörigen ein Gefühl der Bedrohung aus; die Menschen versuchen, sie totzuschweigen oder die Kritiker in Grund und Boden zu verdammen, sie eignen sich Vorurteile an. Bei den Polen dagegen gibt es eine Art Schizophrenie. Wir sind bereit, für unsere Nation zu sterben, aber fragt jemand danach, wie die Polen sind, antworten wir: Diebe, Faulpelze. Gleichzeitig identifizieren wir uns mit dem Polentum durchgängig und stark. Wir fühlen uns mehr als Polen denn beispielsweise als Europäer oder Warschauer, doch interessanterweise auch mehr als Polen denn einfach als Menschen. So empfinden wir es – unabhängig davon, welche Ausbildung wir haben, wie alt wir sind und wo wir leben.
J.C.: Meiner Meinung nach sind wir auch überempfindlich. Man muss sich nur daran erinnern, was los war, als Minister Radosław Sikorski [Ende November in Berlin] sagte, wir bräuchten ein starkes Deutschland. Oder als Jan Tomasz Gross ein weiteres Buch herausbrachte.
M.B.: Manche haben ein Geschrei erhoben. Andere aber haben Minister Sikorski nach seiner Rede zu seinem Mut gratuliert. Auch Gross sind viele Polen dankbar dafür, dass er der Öffentlichkeit einen Teil der Geschichte vorgeführt hat, dessen Existenz sie zwar auch vermutet, für den sie aber keine Beweise gehabt hatten. Diese selbstkritische Haltung ist unser charakteristisches und in unserer Kultur seit langem hervorstechendes Merkmal.
J.C.: Im Werk von Henryk Sienkiewicz oder Maria Konopnicka werden wir sie eher nicht finden.
M.B.: Okay, bei ihnen nicht. Doch schon der überwiegende Teil des Werks von Stefan Żeromski ist der Versuch einer kritischen Darstellung des Polentums. Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt Wyspiánskis „Hochzeit“. In der Lyrik von Słonimski, in seinem Traum von einem „schwachen Polen“ ist noch mehr zu erkennen – ein kritischer Patriotismus. Heute haben wir ein geradezu überkritisches Bild des Polentums in Wojciech Smarzowskis Filmen wie „Eine Hochzeit und andere Kuriositäten“, „Dom zły“ (Haus des Bösen) und bis zu einem gewissen Grade auch in „Róża“ (Rose). Wenn wir ein negatives Bild unserer Gesellschaft nicht sehen wollten, hätten diese Filme nicht derartige Furore in Polen gemacht.
J.C.: In Amerika waren die bissigen Dokumentarfilme von Michael Moore ebenfalls sehr populär.
M.B.: Aber sie porträtieren nicht die gesamte Gesellschaft und stellen keine fundamentalen Heiligtümer in Frage. Bei Smarzowski wird Maria Konopnickas „Rota“ (der Eid) von einer Bande von Betrügern und Heuchlern im Suff gesungen.
J.C.: Woher kommt dann diese polnische selbstkritische Haltung?
M.B.: Aus den kollektiven Erfahrungen der Polen. Während des ganzen 19. Jahrhunderts, als sich in Europa die Nationalstaaten bildeten, waren wir geteilt; es folgte eine kurze Zeit der Unabhängigkeit, dann wieder die Nazi-Besatzung und schließlich die Volksrepublik Polen. Unter solchen Umständen ist es schwer, ein positives Bild der eigenen Gruppe zu entwickeln, sie als stark und tatkräftig zu sehen.
J.C.: Aber Sie werden doch zugeben, dass es viele Polen gibt, die aufgrund eben dieser Erfahrungen ein völlig unkritisches Bild Polens und der Polen entwickelt haben?
M.B.: Das sehr positive Polenbild dominiert bei Personen mit den geringsten Einkünften. Der deutsche Psychologe Immo Fritsche hat in vielen Experimenten gezeigt, dass Menschen, die die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal verlieren, die Zugehörigkeit zu tatkräftigeren und mächtigeren Gruppen anstreben. Je schlechter es mir geht, desto mehr idealisiere ich demnach die eigene Gruppe.
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