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Erst wenige Tage sind seit Wisława Szymborskas Tod vergangen, und schon haben wir ihr ein Denkmal aus Worten und Anekdoten errichtet. Aber diese sympathische, heitere und schöne Frau verlangt mehr von uns als Verehrung und Trauer.

Ein Meer von Erinnerungen und Zitaten aus Gedichten hat sich über uns ergossen, denn sehr viele Menschen kennen sie auswendig. Freunde erinnern sich gern an Wisława Szymborskas Vorliebe für Fan Tan, Ansichtskarten und Kitsch. Von den Bildschirmen blickte uns eine nette ältere Dame mit Zigarette, einem Glas Cognac und einer Handtasche entgegen, die immer wieder in Gelächter ausbrach. In den Erinnerungen an die Dichterin, die immer so auf ihre Privatsphäre bedacht gewesen war, kamen verschiedene intime Lächerlichkeiten zum Vorschein. Oder es wurde einmal mehr das banale Bild einer Autorin von Gedichten über das Entzücken, den Zufall und die Katze in der leeren Wohnung kolportiert.

Nicht nur die derart zugängliche Dichterin lohnt es, im Gedächtnis zu behalten. So wie viele Schüler, die ihre Lyrik lesen, finden auch viele Leser, dass diese Gedichte unerhört einfach sind. Man kann sie mit Gemeinplätzen abtun, dass das Leben herrlich ist, voller Entzücken und Verzweiflung. Dabei verbirgt sich in dieser Lyrik nicht nur das Erstaunen, sondern ein ernstes und ganzheitliches Projekt. Szymborska erforschte unablässig die Möglichkeiten der Erkenntnis. Sie stellte nicht nur naive Fragen.

„Diese Lyrik“, hat Artur Sandauer einmal geschrieben, „ist weder traditionell-moralistisch, noch avantgardistisch-kunstvoll: sie ist einfach perfekt.“ Doch zuerst kam der Schock, der Wisława Szymborska zu der machte, die wir kennen: kritisch und zweifelnd. Szymborskas lyrische Anfänge waren bescheiden. Aus ihren ersten beiden Gedichtbänden wählte sie für spätere Sammelausgaben nachgerade nur einige wenige Werke aus. Erst in dem BandRufe an Yetiaus dem Jahr 1957 hat sich die eigene Stimme der Dichterin herauskristallisiert. „In jungen Jahren habe ich in gewissem Sinne mit dem Gedichteschreiben Politik gemacht, dabei ist meine Rolle eine andere – aus der Distanz zu beobachten und gegen das eigene Unwissen zu kämpfen“, sagte sie in einem niederländischen Dokumentarfilm.

Ihre Ankunft in der neuen Wirklichkeit und ihre sozrealistischen Gedichte (später erlaubte sie nicht, dass man an sie erinnerte) waren sozusagen eine Flamme, an der sie sich verbrannte, und aus der Auflehnung dagegen entwickelte sie eine eigene Poetik, die sich auf Ironie, eine kritische Haltung und Misstrauen gründete. Eine große Dosis Ironie enthält beispielsweise das Prosagedicht „Kurzfassung“, das die Geschichte Hiobs erzählt. Als Hiob schon alles verloren hat, kommt der Herr und berichtet von dem wundervollen Werk der Schöpfung. „Große Poesie. Hiob hört zu – der Herr spricht nicht zum Thema“. Aber er zeigt Reue und bekommt alles doppelt wieder. „Hiob ist bereit. Er will dem Meisterwerk nicht mehr im Wege stehen.“* Der Herr ist nicht überzeugend, auch wenn Szymborska mit dieser Metapher doch hätte einverstanden sein können: Die Welt ist in ihren Gedichten oft ein Meisterwerk. Aber die Dichterin wählt hier die menschliche Perspektive, sie blickt aus der Distanz, um besser zu sehen. „Die Kluft trennt uns nicht. Die Kluft umgibt uns“, schrieb sie in dem Gedicht „Autonomie“, das Halina Poświatowska gewidmet ist.

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