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Es stimmt, dass ein Großteil von ihnen das ACTA-Dokument nicht einmal gelesen hat. Denn es geht ihnen eigentlich nicht um ACTA. Es geht ihrer Meinung nach um Freiheit und Autonomie, die der heutige junge Pole eigentlich nur in zwei Dimensionen verwirklichen kann: am eigenen Körper und im Internet. Andere Dimensionen der Wirklichkeit sind schwer zugänglich, der öffentliche Raum existiert de facto nicht, die Schulen werden von Erwachsenen kontrolliert, selbst die schlichten, aber eigenen Fußballplätze mussten den modernen weichen, auf denen die Erwachsenen ihre Adlerjungen [Der Autor spielt hier wortspielerisch auf das polnische Breitensportprogramm ORLIKI (dt. Adlerjungen) an, das im ganzen Land neue Fußballstätten errichtet, Anm. d. Red.] bewachen. In öffentlichen Kulturhäusern kann man lediglich mit Geld in das „Humankapital“ investieren. Im Zuge des Kampfes gegen Primitivität müssen billige Bars „fetten“ großen Pubs weichen, und das gemeinsame Trinken auf einer Parkbank endet mit Schubsereien mit dem Ordnungsamt.

Das Netz ist – so die ethnografische Untersuchung „Junge Menschen und Medien“ – zu dieser Dimension des gesellschaftlichen Raumes geworden, wo Internetuser – in Polen per definitionem junge Menschen – selbstständig, außerhalb des Sichtfeldes der Erwachsenen, Lehrer, Polizisten und Politiker über ihr Leben bestimmen: Sie nehmen an Kultur teil, kommunizieren, lösen gemeinsam Probleme, koordinieren ihre realen Aktivitäten: gemeinsame Partybesuche, Kinobesuche, und jetzt die Raufereien für den Schutz des Internets.

Allerdings sehen sie seit einigen Jahren beunruhigt mit an, dass selbst diese letzte Bastion der Freiheit und Autonomie gefährdet ist. Polizeirazzien in Studentenwohnheimen auf der Suche nach illegaler Software, neue Bastelproben der Politiker: Hier ein Register verbotener Seiten anlässlich des Glücksspielgesetzes, da neue Meldungen wegen straffreier Überwachung durch den Geheimdienst und die Polizei. Hinzu kommt, dass die Behörden systematisch Versprechen brechen: die Einschränkungen des Gesetzes über den Zugang zu öffentlichen Informationen, das einst im Konsens mit Internetusern erstellt wurde, und jetzt ACTA, die trotz Versprechen ohne Konsultation mit der Gesellschaft angenommen wurde. Offensichtlich war das der Tropfen, der Angst, Wut und Empörung über den kritischen Level hat steigen lassen.

Die gesellschaftspolitische Dynamik hat nicht viel gemeinsam mit den Inhalten und Intentionen des ACTA-Abkommens. Dieses drückt hingegen die Befürchtungen, oder geradezu das Entsetzen der Wirtschaftswelt vor den unabwendbaren Veränderungen aus. Die Globalisierung hat bewirkt, dass sich wirtschaftliche Großmächte herausgebildet haben wie China, Indien und Brasilien, die auf dem Weg zum eigenen Wohlstand genau die gleichen Methoden anwenden, die die Vereinigten Staaten und Deutschland im 19. Jahrhundert angewendet haben, und Japan und Südkorea nach dem Zweiten Weltkrieg: Sie imitieren und kopieren das, was über den Erfolg der entwickelten Länder entschieden hat, sprich die Technologien, die Gebrauchsmuster und Kulturwerke, die sich Gesellschaften, die im Aufbau begriffen sind, nicht leisten können, und bei der Gelegenheit auch Lebensstile und Konsum. 

Es geht ums Überleben

Das ist alles nichts Neues, bis auf die Globalisierung. Einerseits führt sie zum Wegzug der Industrie aus den entwickelten Ländern in die sich entwickelnden Länder, andererseits aber erleichtert sie den Zufluss von originalen und gefälschten Waren aus Fabriken im Fernen Osten. Apple hat noch bis vor kurzem damit geprahlt, eine amerikanische Firma zu sein, weil es in den USA produziert; heute hat es in Amerika keine einzige Fabrik mehr. Die Quelle seiner gigantischen Einnahmen und seiner Rentabilität, die 40 Prozent übersteigt, ist das geistige Eigentum, eingeschlossen in den eleganten Formen der iPhons, iPads und iPods, die für ein paar Cent von Chinesen zusammengesetzt werden.

Die amerikanische National Science Foundation hat ausgerechnet, dass von 499 Dollar, die ein iPad kostet, 162 Dollar in die USA zurückwandern, wovon 150 Dollar an Apple gehen. Nach China gehen 8 Dollar, den Rest bekommen die Zulieferer und Subunternehmen aus Japan, Korea, Taiwan und die Zwischenhändler. Die International Intellectual Property Alliance hat in ihrem Bericht „Copyright Industries in the U.S. Economy” aufgezeigt, dass der Sektor der Autorenrechte (also für Filme, Bücher, bis hin zu Software) in den Vereinigten Staaten im Jahr 2010 einen Betrag von 1,627 Billionen Dollar erreicht hat! Das sind 11,1 Prozent des Sozialproduktes der USA, aber auch 10,6 Millionen Arbeitsplätze und ein Exportwert von über 130 Milliarden Dollar.

In Europa ist es nicht anders. Frankreich beschäftigt mehr Menschen in Forschung und Entwicklung als Industriearbeiter. Ein heißes Thema des aktuellen [frz.] Präsidentschaftswahlkampfes ist die fortschreitende Liquidierung der Industrie, gerade wurde die letzte Fabrik für Unterwäsche geschlossen – die gesamte Produktion wurde nach Tunesien verlagert. Gleichzeitig ist Hermes – bekannt für die Herstellung von Luxusprodukten – zu einer der am höchsten notierten Firmen der Pariser Börse geworden. Für den schwedischen Telekommunikationsgiganten Ericsson ist die letzte Bastion im Ringen mit der Konkurrenz aus China der Wertpapierbestand mit 27.000 Patenten, die das geistige Eigentum der Firma schützen.

In diesem Kampf geht es nicht mehr um Profitsteigerung. Es geht um das Überleben der Firmen und die weitere Entwicklung in den entwickelten Ländern, in einer Situation, wo der wichtigste Motor ihrer Wirtschaft die Sektoren sind, die auf geistiges Eigentum aufbauen, denn mit der Arbeitskraft lässt sich nicht konkurrieren. Die Gier der Kapitalisten erklärt auch nicht alles, denn die Mehrheit der Korporationen – wenn nicht alle – sind zum Teil an der Börse notiert, und ihre Aktionäre sind Millionen von Menschen, unter anderem in Form von Rentenfonds.

Parasitäre Zwischenhändler

All diese Fakten erklären, warum geistiges Eigentum zu einem immer wichtigeren Thema der Politik wird und warum es unabhängig davon, ob allein die Idee dieser Eigentumsform aus liberalen, linken und anarchistischen Standpunkten kritisiert wird, ein wichtiges Thema bleiben wird. Werden Versuche wie SOPA und Protect-IP-Act in den USA oder ACTA auf internationaler Ebene tatsächlich dem strategischen Ziel dienen, sprich dem Schutz von Arbeitsplätzen und Entwicklungsquellen, die auf Innovation und kultureller Kreativität beruhen? Oder konservieren sie eher Anachronismen und blockieren die Entwicklung?

Verlangt die Entwicklung der Musik, sowohl als Kulturbereich, als auch als Geschäftsbereich, wirklich die Existenz großer Produktionsfirmen? Notwendig wären sie – so wie andere Korporationen – um, wie Ronald Coase, Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften, erklärt, die Transaktionskosten zu senken, sprich die Koordination aller Aktivitäten, die notwendig sind, damit die von Künstlern hervorgebrachten Töne im Konzertsaal, auf einer CD und dann im Geschäft, im Radio oder im Fernsehen landen.

Im Zeitalter des Internets ändert sich die Ökonomie dieses Systems grundlegend, viele Zwischenhändler werden überflüssig, wollen aber nicht überflüssig werden, weil sie sich an ihr Stück Torte gewöhnt haben. Herausragende Beispiele für den Wandel sind die britische Band Radiohead und der Schauspieler Lewis C.K. Sie haben die Unabhängigkeit gewählt, und sind sehr froh damit.

Ähnliche Fragen betreffen die Sphäre des Films, des Buches und der Presse. Werden die klassischen Verleger noch gebraucht, wenn doch Amazon und Apple den Autoren die Möglichkeit geben, direkt zum Abnehmer zu gelangen, und das Herstellen eines Buches auf eigene Faust heute überhaupt kein Problem mehr ist?

Apple hat soeben das Gratisprogramm iBooks Author hergestellt, das es ermöglicht, multimediale Bücher auf ungewöhnlich einfache Weise zu erstellen. Das fertige Buch braucht man lediglich in das Apple-Portal iTunes zu stellen, wo man auch die Zahlungen vom Käufer einziehen kann. Es stellt sich auch das Problem neuer unseriöser Zwischenhändler im Internet, die gegen Geld Inhalte anbieten, die sie sich selbst umsonst angeeignet haben. Sie sind es, gegen die sich ACTA hauptsächlich richtet.

In der neuen Wirklichkeit sollten die überleben, die beweisen können, dass sie gebraucht werden, und die ein Angebot machen, das diejenigen, die gegen ACTA auf die Straße gehen, attraktiv finden, und das ihrem Lebens- und Konsumstil entsprechend dargeboten wird. Dann zahlen sie vielleicht auch.

Der Text „Wojna światów“ von Edwin Bendyk erschien im Original in der POLITYKA Nr. 5 vom 1.02.2012. Übersetzung: Antje Ritter | Redaktion: Paul-Richard Gromnitza


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für die deutsche Übersetzung
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