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Prekarier aller Länder | Wawrzyniec Smoczyński
Serielle Praktikanten, Zeitarbeitnehmer, junge Arbeitslose. In Europa wächst eine neue soziale Klasse ohne Perspektiven auf Wohlstand und Aufstieg. Auch in Polen gibt es sie, und sie hat schon einen eigenen Namen: Prekariat.
In Polen ist die erste satte Generation herangewachsen. Wie aus dem Regierungsbericht „Młodzi 2011“ [Die Jungen 2011] hervorgeht, werden die Polen zwischen dem 15. und 34. Lebensjahr ihren Altersgenossen in Westeuropa immer ähnlicher: Sie sind offene Hedonisten und leidenschaftliche Konsumenten von Gütern, sie haben ein lockeres Verhältnis zur Institution der Ehe, leben ihren Individualismus aus, möchten aber auch nützlich für die Allgemeinheit sein. Beziehungen zu Menschen sind ihnen ebenso wichtig wie ein hoher Lebensstandard. Sie haben große Ambitionen: Sie möchten viel Geld, eine gute Ausbildung und ein hohes Sozialprestige haben, aber auch eine interessante Arbeit, wertvolle Freundschaften, ein buntes Leben und nach einiger Zeit auch eine wohlgeratene Familie. Schon jetzt schöpfen sie das Leben aus dem Vollen, erwarten von ihm aber noch erheblich mehr.
Arbeit halten sie für einen Stützpfeiler des künftigen Wohlstands und Glücks, doch es fällt ihnen zunehmend schwer, eine Beschäftigung und finden und eine gute Stelle zu bekommen. Junge Polen zwischen dem 18. und 34. Lebensjahr stellen die Hälfte der registrierten Arbeitslosen, und die Jugendarbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Die Hälfte der Beschäftigten unter ihnen arbeitet nicht im erlernten Beruf, und ein Hochschulstudium ist kein Garant mehr für eine gute soziale Stellung. 62 Prozent der Jugendlichen jobbt mit Zeitverträgen, Berufsanfänger steigen in den Arbeitsmarkt mit unbezahlten Praktika ein, die häufig Festanstellungen ähneln. Wie die Autorin des Berichts, Prof. Krystyna Szafraniec, schreibt, „sind die jungen Leute in der Falle temporärer Beschäftigungsformen gefangen“.
Was dadurch droht, zeigt das Beispiel Westeuropas. Während junge Polen immer noch die Hoffnung auf Wohlstand und Aufstieg haben, geben ihre Altersgenossen in Frankreich, Spanien und Griechenland sie allmählich auf. Über den entwickelten Ländern schwebt die Gefahr einer verlorenen Generation, der ersten seit dem Zweiten Weltkrieg, der er schlechter ergehen könnte als der vorangegangenen. Ein Vorbote der sozialen Krise sind die Unruhen mit Beteiligung von Jugendlichen, die seit einigen Jahren ausbrechen: brennende Pariser Vorstädte, Straßenschlachten im Zentrum von Athen, Massendemonstrationen in Madrid und jüngst die Ausschreitungen in London. Warschau drohen solche Szenen noch nicht, aber Polen biegt in dieselbe Sackgasse ein.
Unsicher über die Zukunft
Die Jungen sind die größten Opfer der Wirtschaftskrise. Arbeitslos sind heute 20,4 Prozent der Europäer zwischen 15 und 24 Jahren, die gerne eine Anstellung finden möchten, ein Drittel mehr als 2008. Über fünf Millionen junge Leute finden gar nicht erst einen Einstieg in den Arbeitsmarkt, und die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe hält sich auf einem Rekordniveau, trotz der schon zwei Jahre andauernden wirtschaftlichen Belebung. Der EU-Durchschnitt ist ohnehin zu optimistisch, verstellt er doch den Blick auf die extremen Indikatoren einzelner Länder: In Spanien sind 42 Prozent der Jugendlichen arbeitslos, in den baltischen Ländern, Griechenland und der Slowakei über 30 Prozent, in Polen, Ungarn, Italien und Schweden über 20.
Wenn Jugendliche eine Arbeit finden, ist sie immer öfter temporär. Hierbei stehen Slowenien und Polen an der Spitze, wo über 60 Prozent der beschäftigten unter 25-Jährigen mit Zeitverträgen arbeiten. Nicht viel besser ist es in Frankreich, Deutschland, Schweden, Spanien und Portugal, wo dieser Prozentsatz über 50 liegt. Zeitarbeit ist zu Beginn einer beruflichen Karriere verständlich, aber diese Beschäftigungsform wird zur Norm für Jugendliche, unabhängig von der Beschäftigungsdauer. Nach Ablauf eines Vertrags bietet der Arbeitgeber den nächsten an und zwingt geradezu dazu, im Austausch gegen nebelhafte Versprechungen einer Festanstellung ein niedriges Gehalt zu akzeptieren. So verlängern sich die Probezeiten und Praktika, die eine Form unentgeltlicher Arbeit sind.
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