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Sie befinden sich hier: Home | Angebote unserer Partner | Anna Nasiłowska: Polnische Kulturpolitik nach 1989

»Die beste Kulturpolitik ist, keine zu haben« – so hieß es während der Transformationszeit allenthalben. Von wem der Satz stammt, ist unklar. In Polen wird er der ersten Kulturministerin nach 1989, Izabella Cywińska, zugeschrieben, mitunter auch einem rechten Politiker. In Paris erzählte mir der tschechische Emigrant Antonin Liehm, langjähriger Redakteur der Lettres Internationales, der tschechische Kulturminister habe während der EU-Beitrittsverhandlungen mit derselben Äußerung für einen Eklat unter seinen europäischen Amtskollegen gesorgt – zu seinem großen Erstaunen, er hatte mit Beifall gerechnet.

In Polen war der Umbruch im Bereich der Kultur besonders drastisch. Die aus den Streiks von 1980 hervorgegangene »Solidarność«-Bewegung hatte eine sozial ausgerichtete Wirtschaft, die gewerkschaftliche Kontrolle von Unternehmen und gesellschaftliche Selbstbestimmung propagierte. Auf dem Feld der Kultur forderte sie vor allem die Aufhebung besonders absurder Zensurvorschriften; eine völlige Abschaffung der Zensur schien zunächst nicht realistisch. Die Vertreter der Intelligenzija sollten an allen wichtigen sozialen und kulturpolitischen Entscheidungen beteiligt werden. In der »Solidarność« spielten regimekritische Intellektuelle als Berater eine wichtige Rolle; sie trugen entscheidend zur Entstehung einer organisierten, friedlichen Protestbewegung bei. Mit dem Balcerowicz-Reformplan verabschiedete man sich Anfang der 1990er Jahre vom sozialen Gedankengut der ehemaligen Opposition und begann mit der Errichtung einer liberalen marktwirtschaftlichen Ordnung. Angesichts einer Inflationsrate von 600%, ökonomischem Chaos und bis zu 30% gesunkenen Einkommen akzeptierte die Gesellschaft diese Schocktherapie. Die Kultur interessierte in dieser Situation kaum jemanden. »Wer wird um Rosen trauern, wenn Wälder brennen« – dieses Zitat aus einem wenig bekannten Werk des romantischen Dichter-Propheten Juliusz Słowacki wurde zum geflügelten Wort. Und es war unstrittig, was Wald war und was Rose. Dank der rigorosen Durchsetzung des Marktprinzips wurde der Wald gerettet. Unprofitable Institutionen ließ man untergehen. Wer Ausnahmen forderte, galt als Gegner der ökonomischen Gesundung. Nur der Wettbewerb privater, modern geführter Unternehmen verheiße Wachstum und Wohlstand für alle. Die Kultur wurde zu keinem Zeitpunkt so ernst genommen, dass man erwogen hätte, unter bestimmten Umständen vom reinen Marktprinzip abzuweichen. Eine eigenständige »Kulturpolitik« hätte den Grundsätzen des neuen Systems widersprochen, und die polemische Haltung vieler Publizisten sollte alle sozialen Ansprüche von vornherein ausbremsen. Die Künstler verloren viel: nicht nur, wie im Fall der bildenden Künstler, erschwingliche Atelierräume, sondern auch ihren Sonderstatus im Gesundheits- und Rentensystem. Wer aber von Rosen sprach, wurde schnell verdächtigt, die Löscharbeiten im Wald behindern zu wollen.

Das Wort »Kulturpolitik« weckte zudem ungute Erinnerungen an die vergangene Epoche, wo es Manipulation, politische Instrumentalisierung der Kunst und »manuelle Lenkung« bedeutet hatte. Die Abneigung war so groß, dass Anfang der 90er Jahre reformfreundliche Publizisten und sogar einige Schriftsteller das Kulturministerium für überflüssig, ja schädlich hielten und seine Abschaffung forderten. So weit kam es nicht, doch reduzierte man zunächst das Personal und später auch die Aktivitäten des Ministeriums. Der Soziologe Andrzej Siciński, Kulturminister von Dezember 1991 bis Juli 1992, räumte ein, sogar mit dem Gedanken an die »Auflösung des Ministeriums«1 gespielt zu haben. Die Kulturminister blieben meist nur kurz im Amt. Nach Sicińskis Rücktritt war der Posten für acht Monate vakant, und als endlich ein Nachfolger ernannt wurde, erwies dieser sich als schwer krank.

STREIT UM WORTE
In der Transformationszeit galt vielen Medien und marktradikalen Köpfen alles, was an die kommunistische Vergangenheit erinnerte, als Teufelszeug. Der Wunsch nach einer deutlichen Abgrenzung vom alten System, der oftmals die Suche nach vernünftigen Lösungen behinderte, äußerte sich nicht zuletzt im Streit um Worte. Man könnte leicht eine Liste von positiv oder negativ konnotierten Begriffen und Begriffspaaren aufstellen: Aus den einstigen »Kulturaktivisten« wurden »Kulturmanager« oder »Animateure« – die Umbenennung sollte ihre Marktorientierung hervorheben. Negativ konnotiert waren »wyciąganie ręki do państwowej kasy« (dem Staat die Hand hinhalten, also eine Art Bettelei) oder »skok na kasę« (Plünderung der Staatskasse), positiv dagegen »Foundraising« und »aktywne poszukiwanie sponsorów« (Suche nach Sponsoren). »Dotacja« (Subvention) war ein schlechtes Wort, »Grant« (Projektmittel) ein gutes. Nicht von ungefähr stammten viele der positiv konnotierten Begriffe aus dem Englischen. Der Wegfall staatlicher Unterstützung sollte nach amerikanischem Vorbild durch die Gründung von Stiftungen kompensiert werden. Nach einer Reihe schlechter Erfahrungen in den 90er Jahren sind die Zuordnungen inzwischen nicht mehr so eindeutig; hinter der Anzeige »Sponsor gesucht« kann sich heute auch das Angebot erotischer Dienstleistungen als Gegenleistung für finanzielle Zuwendungen verbergen. Die Idee, Kultureinrichtungen von Managern führen zu lassen, erwies sich als utopisch. Auch das Stiftungsmodell erwies sich als nicht praktikabel, weil es an privaten Geldgebern mangelte. Ein weiteres Schlagwort vom Anfang der 90er Jahre kündete von der Ablösung der »Intelligenzija « als Bildungsschicht durch die »Mittelklasse« (middle class). Im November 1992 schrieb Teresa Bogucka, eine der führenden Federn der Gazeta Wyborcza: »Die Intelligenzija ist nach ihrem Sieg gleichsam in einer fremden Welt erwacht. Die Werte, für die sie steht, existieren nicht mehr. Die Kultur ist kein Feld mehr, auf dem politische und ideologische Konflikte ausgetragen werden, sie ist allenfalls eine Ware, und zwar eine wenig nachgefragte.«

Unter anderem sollte die Intelligenzija sich deshalb klaglos mit niedrigeren Gehältern abfinden – war doch die Ware, die sie anzubieten hatte, offensichtlich kaum noch etwas wert. Derlei publizistische Befunde reflektierten weniger die Wirklichkeit als die Vorstellungen und Wünsche ihrer Autoren. Man wollte ein neues Wertesystem schaffen (gegründet auf marktrelevante Werte, also auf Geld) und vor allem das alte kommunitaristische Denken durch das Primat des Wettbewerbs ersetzen. Michał Zieliński brachte es in seinem 1993 in der Res Publica Nowa erschienenen Text Pożegnanie z inteligencją (Abschied von der Intelligenzija) auf den Punkt: »Den Platz der Intelligenzija nehmen gut verdienende professionals ein, die sich teure Restaurants, Golfclubs, exklusive Freizeitangebote und Auslandsreisen leisten können. Auch die Kultur wird zu einem ›Freizeitangebot‹: Die professionals werden den Kulturkonsum nicht ganz aufgeben, aber sie werden ihn reduzieren (ach, hätte man nur mehr Zeit) und andere Schwerpunkte setzen. Infolgedessen wird die Nachfrage nach ›gesellschaftlich-kulturellen‹ Zeitschriften sinken – zugunsten von Fachtiteln (Wirtschaft, Computer usw.) und Magazinen, die in knapper Form die wichtigsten Informationen aus allen Lebensbereichen liefern. Den Buchmarkt werden (neben den unverzichtbaren Enzyklopädien, Lexika usw.) klassische Werke (am besten in ansprechender Aufmachung) und leichte Unterhaltungsliteratur dominieren.«

Die große gesellschaftliche Umwälzung blieb jedoch aus. Befragungen zum Ansehen bestimmter Berufsgruppen ergaben Ende der 90er Jahre folgendes Bild: An der Spitze standen Universitätsprofessoren (84% Anerkennung), Ärzte (75%) und Lehrer (70%); Sejmabgeordnete (42%) und Parteifunktionäre (20%) rangierten auf hinteren Plätzen. Die Rangliste der Einkommen zeigte allerdings eine ganz andere Reihenfolge. Reformorientierte Publizisten und Soziologen, die selbsternannten »Ingenieure des Wandels«, sahen in jedem Versuch, traditionelle Kultureinrichtungen wie Philharmonien, Museen oder Bibliotheken unter einen staatlichen »Schutzschirm« zu stellen, eine anachronistische Verschwendung öffentlicher Mittel. Auch diese Institutionen hatten sich ihrer Meinung nach dem Wettbewerb zu stellen und letztlich auf die Bedürfnisse der sogenannten »professionals« auszurichten. In der Rückschau erkennt man hinter der Radikalität und Einseitigkeit der Debatte einen revolutionären, ja liquidatorischen Impetus. Dariusz Gawin schreibt dazu in seinem Artikel Druga zdrada klerków (Der zweite Verrat der Intellektuellen), 1998 erschienen in der mittlerweile eingestellten (also nicht markttauglichen) Zeitung Życie: »Wir erleben einen neuen ›Verrat der Intellektuellen‹. Keinen ideologischen, wie ihn 1927 Julien Benda in seinem berühmten Buch beschrieb, sondern einen sozialen in Gestalt der Verweigerung gesellschaftlicher Solidarität. Früher gerierten sich die oberen Schichten und führenden Köpfe der Intelligenzija gleichsam als Schutzpatron des intellektuellen ›Fußvolks‹, für dessen Schicksal sie sich zugleich verantwortlich fühlten. Nach 1989 wurden sie schnell zu new professionals, besetzten gute Plätze in der gesellschaftlichen Hierarchie und vergaßen die alte Etikette. Institutionell manifestiert sich dieser Prozess in der Union – erst der Demokratischen Union [Unia Demokratyczna], jetzt der Freiheitsunion [Unia Wolności]. Die einstigen Intellektuellen stigmatisieren Lehrer, Ärzte, Bibliothekare und Museumsangestellte als ›staatlichen Sektor‹ und sehen aus ihrer schönen neuen liberalen Welt naserümpfend zu, wie dieser sich hilflos mit den allgegenwärtigen Haushaltslöchern herumplagt.«

In den Transformationsjahren war eine breitere Diskussion über den Zustand der Kultur unmöglich, weil man das traditionelle Kulturpublikum nicht respektierte, dessen Bedürfnisse lediglich zu beweisen schienen, dass es der neuen Zeit hinterherhinkte. Die Wahlniederlagen der Demokratischen Union und später der Freiheitsunion – die beide ehrbare Leute und nicht selten Intellektuelle mit großen Verdiensten um den Wandel aufzubieten hatten – waren eine Antwort der Wähler, deren Geduld sich erschöpft hatte. Ein weiterer, bis heute nachwirkender Effekt war die Instabilität der politischen Landschaft in Polen, die die Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen unzureichend widerspiegelte und für Erschütterungen und ideologisch aufgeheizte Debatten anfällig war. Die radikalen Reformbefürworter der 90er Jahre verkannten, dass die Aufgabe der Presse und anderer Medien nicht darin besteht, sich ideologisch für oder gegen bestimmte politische Lösungen zu engagieren, sondern eine unabhängige, kritische Position zu bewahren.

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